Möglichkeitsfenster
Was mich an der Bibel besonders fasziniert, ist die Tatsache, dass in ihr eigentlich alle Lebensphasen eines Menschen vorkommen. Von Abraham etwa wissen wir, dass er als bereits deutlich gealterter und eigentlich ruheständiger Mensch sich auf die Reise seines Lebens machte – bis er dann wirklich alt und lebenssatt starb.
Oder, in jeder Taufe wird erzählt, wie Jesus die Kinder aus der Menge zu sich ruft und seinen Jüngern untersagt, sie einfach wegzuschieben.
Denken wir auch an den jungen Mann aus reichem Hause, der zu Jesus kam und die existenzielle Frage danach stellte, was er zu einem vollkommenen Leben in Stimmigkeit brauche und den die Antwort Jesu traurig machte, weil sie an seine Vorbehalte rührte.
Oder Nikodemus, der Gelehrte nach dem Gesetz, den seine Begegnung mit Jesus und dem, was er von ihm gehört hat, keine Ruhe ließ, bis in die Schlaflosigkeit hinein, so dass er schließlich mitten in der Nacht Jesus aufsuchte, um seine Herzensfragen zu stellen.
Wie auch immer, wir erfahren in der Bibel von Menschen, die auf der Suche sind, etwas wagen, sich vor neue Möglichkeiten gestellt sehen.
In unserer Familie wird es gern wiedererzählt, es war zum Geburtstag unseres Vaters, der große Kreis war versammelt. Er pflegte vor dem Kaffee einige Worte zu sagen, mit Rückblick und Dank. Seine Frau und er saßen nebeneinander, wie alle Geburtstagsjahre. Abschließend sagte er dann in seiner Rede, dass sie beide sich ja nun im Herbst ihres Lebens befänden. Darauf korrigierte meine Mutter spontan und warf ein: „Winter, mein Lieber, Winter!“.
Die Geburtstagsgesellschaft freute sich herzlich über den unmittelbar herausgepurzelten Einwand: Es handelte sich um den Tag, als der Vater 85 Jahre alt wurde… Für ihn aber war es Herbst, und so nahm er den ja durchaus verständlichen Einwand ungerührt zur Kenntnis. Ja, das war ein staunenswertes Zeitempfinden!
Das Zeitempfinden ändert sich im Lauf des Lebens. Die Zeit ist eben endlich, sie verrinnt, sie läuft ab und aus. Zeit ist Frist.
Der Theologe Odo Marquard sagt, dass sich im Älterwerden immer mehr Möglichkeitsfenster schließen, zumal die verbleibende Zeit sich verknappt. Das ist richtig. Doch es gilt auch das andere: Zeit wird gewichtiger, wir haben die Möglichkeit, ihr mehr Aufmerksamkeit einzuräumen, befinden uns nicht mehr in einer „rush hour“ des Lebens, sondern können sie in ihrer Schönheit, ihrer besonderen Kraft wahrnehmen.
Für Viele ist damit eine Hinwendung zum Naturerleben verbunden, auch zur Verbundenheit mit Menschen, Freundschaften werden klarer gepflegt, das Dasein als ein Geschenk erlebt.
Daraus eröffnen sich „Möglichkeitsfenster“, also nicht nur im Sinne des „Weniger“, sondern durchaus im „Mehr“, weil das Erleben eine andere Tiefe bekommt.
Wo bin ich in meiner Zeit? Welche Jahreszeit wähle ich für mich, im Bild gesprochen? Und was mache ich daraus? Fest steht in allem, dass eine jede Lebens-Jahreszeit „Möglichkeitsfenster“ bereithält, also durchaus auch an einem Mittwoch, der Mitte der Woche.
Pfarrer Martin Bergau
