Am Abend vor Palmsonntag im Jahr 1942 wurde meine Heimatstadt Lübeck von englischen Bombern in Schutt und Asche gelegt. Die großen Kathedralen St. Marien, der Lübecker Dom und St. Petri wurden zerstört. Die zerborstenen Glocken sind noch heute in St. Marien zu sehen, als ein Mahnmal: Nie wieder!
Dem verheerenden Angriff 1942 war die Bombardierung der mittelenglischen Stadt Coventry 1940 vorausgegangen. Auch dort kamen unzählige Menschen ums Leben oder wurden verletzt und die große St. Michael Kathedrale lag in Schutt und Asche.
Es ist überliefert, dass der damalige Dompropst der Kathedrale, Richard Howard, in die verkohlte Wand der zerstörten Kathedrale die Worte ritzte: Vater vergib!
Er schrieb nicht „Vater, vergib ihnen“. Schon das eine zu Herzen gehende Geste.
18 Jahre später geht ein Gebet um die Welt. Das Friedensgebet von Coventry. Siebenmal kommt der Satz „Vater, vergib“ darin vor, denn sieben ist ein Symbol für die unvorstellbar große Zahl von Leid, dass Krieg über die Menschen brachte und bringt. In Coventry wird dieses Gebet bis heute an jedem Freitagmittag gebetet. Auch in meiner Heimatstadt.
Am nächsten Sonntag ist Volkstrauertag. Das Versöhnungsgebet mahnt uns für den Frieden zu wirken, wo immer wir es können.
Wir alle haben gesündigt und mangeln des Ruhmes,
den wir bei Gott haben sollten. Darum lasst uns beten:
Vater, vergib!
Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse:
Vater, vergib!
Das habsüchtige Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr eigen ist:
Vater, vergib!
Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet:
Vater, vergib!
Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen:
Vater, vergib!
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge:
Vater, vergib!
Den Rausch, der Leib und Leben zugrunde richtet:
Vater, vergib!
Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf dich:
Vater, vergib!
Lehre uns, oh Herr, zu vergeben und uns vergeben zu lassen, dass wir miteinander und mit dir in Frieden leben.
Darum bitten wir um Christi willen. (Evangelisches Gesangbuch, 828)
Pastorin Frauke Eiben
