Wir befinden uns gerade zwischen Ewigkeitssonntag, die meisten sagen Totensonntag, und dem 1. Advent. Das Kirchenjahr ist zu Ende, es beginnt ein neues, wieder der Aufbruch, wieder das Hoffen, das Warten auf die Ankunft Jesu, auf Weihnachten und damit auf die Hoffnung, einen Neustart – so oft haben wir Advent und Weihnachten gefeiert, und wir feiern es wieder.
Am 13. November war der Jahrestag von den furchtbaren terroristischen Anschlägen im Jahr 2015 an mehreren Orten in Paris. Die meisten Opfer gab es im Konzertsaal Bataclan, wo an diesem Abend ein Konzert stattfand: 89 Menschen starben dort.
Der Journalist Antoine Leirs verliert seine Frau Helene und sein kleiner Sohn seine Mutter.
Antoine Leiris kann seine Frau ein letztes Mal sehen, und er verfasst als Reaktion darauf einen Post auf Facebook. Dieser Brief wird innerhalb weniger Tage millionenfach in den sozialen Medien geteilt, dort, wo Verzweiflung, Wut und Rachegedanken geäußert werden, wird plötzlich ein Gegenentwurf gepostet, der viele Menschen berührt hat. Dies sind seine Worte:
Meinen Hass bekommt ihr nicht
„Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid, und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben. Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr euch sehr darum bemüht habt; auf den Hass mit Wut zu antworten würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel. Ich habe sie heute Morgen gesehen. Endlich, nach Nächten und Tagen des Wartens. Sie war genauso schön wie am Freitagabend, als sie ausging, genauso schön wie damals, als ich mich vor mehr als zwölf Jahren hoffnungslos in sie verliebte. Selbstverständlich frisst mich der Kummer auf, diesen kleinen Sieg gestehe ich euch zu, aber er wird von kurzer Dauer sein. Ich weiß, dass sie uns jeden Tag begleiten wird und dass wir uns in jenem Paradies der freien Seelen wiedersehen werden, zu dem ihr niemals Zutritt erhalten werdet. Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen dieser Erde. Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern, ich muss mich um Melvil kümmern, der gerade von seinem Mittagsschlaf aufwacht. Er ist gerade mal 17 Monate alt; er wird seinen Brei essen wie jeden Tag, dann werden wir gemeinsam spielen und wie jeden Tag und sein ganzes Leben wird dieser kleine Junge euch beleidigen, indem er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass werdet ihr nicht bekommen.“ (Süddeutsche Zeitung, 17.11.2015).
Ich lese die Tageslosung von heute aus Jesaja 25,1, und ich finde sie passt: Herr, deine Ratschlüsse von alters her sind treu und wahrhaftig.
Und der Lehrtext, Hebräer 10,23 lautet: Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat.
Treu und wahrhaftig, das Bekenntnis der Hoffnung – vom Totensonntag hin zum 1. Advent – denn der Hass hat nicht das letzte Wort.
Pfarrerin Iris Kaufmann
