Das Jahr hat erst begonnen, aber es ist schon wieder so viel passiert und passiert weiter. Ich komme nicht mit, reibe mir die Augen und denke, ich bin in einem schlechten Film, gleich kommt der Abspann, und ich verlasse das Kino, und alles ist wie immer, wie es früher war.
In der Zeitung „Zeit online“ hat es zum Jahresende eine Rubrik gegeben, in der die Mitarbeitenden ihre positive Sicht auf das neue Jahr äußern sollten.
Ein Text war dieser:
Donnerstagnachmittag, ich fahre mit meinem Kind durch Berlin, im Halbdunkel leuchtet uns eine Werbung entgegen. Das Kind, in der dritten Klasse schon, liest laut vor: „Früh-a wär al-les bes-sa“, hält kurz inne, schaut mich an: „Hä, was soll das heißen, Mama?“ Ich erkläre, dass der Satz eigentlich „früher war alles besser“ heißt und viele damit ausdrücken wollen, dass sie das Heute ein bisschen doof finden. Was denn früher besser gewesen sei, beginnt das Kind zu überlegen, dann: Es hat geschneit! Noch gab es keinen Klimawandel. Das stimmt, sage ich, aber es gibt heutzutage auch Medikamente, die es früher nicht gab, und die viele Menschen gesund machen können. Auch leben die Menschen länger. Das Kind überlegt wieder. „Aber dann ist doch jede Zeit irgendwie gut“, sagt es schließlich
(Jana Gioia Baurmann, Redakteurin im Ressort X, 27.12.2025)
Tja, das stimmt schon. Beruhigt mich das? Aber so wie jetzt war es noch nie, möchte ich sagen – irgendwie resigniert.
Mir fällt ein sehr bekanntes Gebet aus Westafrika in die Hände. Ich hatte es vergessen, zum Glück habe ich es wiedergefunden.
Herr,
Ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel.
Die Nacht ist verflattert,
und ich freue mich am Licht.
So ein Tag, Herr, so ein Tag.
Deine Sonne hat den Tau weggebrannt vom Gras
und von unseren Herzen.
Was da aus uns kommt,
was da um uns ist an diesem Morgen,
das ist Dank.
Herr, ich bin fröhlich heute am Morgen.
Die Vögel und Engel singen, und ich jubiliere auch.
Das All und unsere Herzen sind offen für deine Gnade.
Ich fühle meinen Körper und danke.
Die Sonne brennt meine Haut, ich danke.
Das Meer rollt gegen den Strand,
die Gischt klatscht gegen unser Haus, ich danke.
Herr, ich freue mich an der Schöpfung.
Und dass du dahinter bist und daneben und davor
und darüber und in uns.
Ich freue mich, Herr,
ich freue mich und freue mich.
Die Psalmen singen von deiner Liebe,
die Propheten verkündigen sie,
und wir erfahren sie.
Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Himmelfahrt
ist jeder Tag in deiner Gnade.
Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel.
Ein neuer Tag, der glitzert und knistert,
knallt und jubiliert von deiner Liebe.
Jeden Tag machst du. Halleluja, Herr!
(Hoffnungstexte, Radius- Verlag 1985, S.21)
Pfarrerin Iris Kaufmann
