Gibt es Tage, an denen Sie nicht wirklich wahrnehmen, dass Sie in Athen leben ? Tage, an denen Sie den blauen Himmel Athens nicht sehen, nicht das Leben um Sie herum ? Weil Sie viel zu tun haben, die Wege in der Stadt lästig, Sie in Gedanken sind. Dann heben Sie einmal den Blick und stellen Sie sich vor, Sie müssten an einem anderen Ort leben. Wie wäre das für Sie ? Was an Athen würde Ihnen am meisten fehlen ?
Ich habe mein Athener Leben gegen ein paar Monate in London eingetauscht. Gehe sonntags nicht in unsere Athener Christuskirche, sondern in die Londoner Christuskirche. Die wurde 1904 errichtet, ein viktorianischer Backsteinbau, der Kirchenraum ohne Wintersonne düster und nicht groß genug, um die Orgel so zur Entfaltung zu bringen, wie unser Athener Organist Christos Pavaskevopoulos das vermag. Der Athener Kirchenraum ist für mich (und für Sie auch ?) ein Glücksort: Der hohe, warme, lichtdurchflutete Raum, der uns eine innere Weite gibt, und dessen großes Fenster unsere Blicke bannt, lässt uns aufatmen und macht leichter, was wir mit uns herumtragen.
Dass wir diesen besonderen Lebensort Kirche haben, ist nicht selbstverständlich. Finanzielle Belastungen übersteigen die derzeitigen Möglichkeiten der Gemeinde. Der bauliche Erhalt unserer Kirche und des Gemeindehauses brauchen unser aller Unterstützung, auch die Ihre. Mit der entsprechenden Bitte wird sich der Gemeindekirchenrat bald an Sie wenden.
Hier in Großbritannien ist die Spendenkultur sehr ausgeprägt, die Menschen fühlen sich für ihr Gemeinwesen und die Einrichtungen um sie herum verantwortlich: Museen, Krankenhäuser, Kirchen, Obdachlosenhilfe – sie alle bitten um finanzielle Zuwendungen. Manchmal auf eine ungewöhnliche Weise.
An der Bahnstation der Schule meines Londoner Enkels steht eine dieser großen Plakatwände mit meist bunter, belangloser Werbung. Aber zwei Wochen lang hat uns dort eine Anzeige der Hilfsorganisation ‚War Child‘ die folgende Geschichte erzählt. Die uns verdeutlicht, wieviel Freude und Lebensmut wir schenken, wenn wir um uns schauen und helfen. In diesem Fall den vielen Obdachlosen, die sich in den Eingängen unbewohnter Londoner Häuser schlafen legen.
„Dies ist eine Liebesgeschichte.
Jeden Morgen können wir einem Mann aus Indien dabei zusehen, wie er die Charing Cross Road im Londoner Stadtteil Soho hinaufgeht. Er stellt eine Flasche frischen, sauberen Wassers neben jeden Schlafsack und neben jede Zuflucht aus Kartons, in denen ein obdachloser Mensch schläft. Wo die schon wach sind, wünscht er ‚Guten Morgen‘ und lächelt.
Wann immer wir ein Fenster sehen, in dem sich die Sonne spiegelt, ist da ein Engel.“
Wie verstehen Sie diesen letzten Satz ? Ich denke dabei an die Menschen, die – oft ehrenamtlich – Hilfe in Notlagen leisten. Auch im Umfeld unserer Gemeinde. Wir bewundern sie dafür, verlassen uns aber vielleicht zu einfach auf sie. Soziale Hilfe braucht natürlich beruflich-professionelles Engagement. Aber wann haben wir selbst uns im Alltag zuletzt jemandem zugewandt ? Mit einer Geste, einem Blick in die Augen, die das Gegenüber wahrnehmen, mit Worten der Anerkennung, mit der Flasche Wasser, die den Obdachlosen – wie durch einen Engel – sagt „Ich sehe Euch und Euer Schicksal“.
Engel kommen zu den Menschen, um ihnen zu zeigen, dass Gott bei ihnen ist: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie Dich behüten auf allen Deinen Wegen“, steht in Psalm 91. Sicher haben Engel auch einmal Ihren Weg gekreuzt, haben Sie vor Schaden bewahrt, Ihnen geholfen. Dann wollen wir es ihnen auf Erden gleichtun. Daran könnten wir denken, wenn wir an den beiden Engeln vorbeigehen, die den Eingang der Christuskirche flankieren, und wenn wir im großen Athener Kirchenfenster und in einem der Turmfenster der Orgelempore von Engeln begleitet werden.
Ulrich Wacker
