Meine Augen sehen stets auf den Herrn
Psalm 25,15
AUGENMERK
Er war nicht nur von Weitem zu sehen, sondern auch zu hören. Ein blinder Mann kam mir auf dem Weg entgegen. Mit seinem weißen Stock tastete er seine Umgebung vor ihm ab, gar nicht vorsichtig, sondern raschen Schrittes. Natürlich trat ich einen Fuß zur Seite, der Gehweg bot genügend Platz. Doch seinerseits machte er ebenfalls eine Bewegung, zur anderen Seite. Auch er wollte mir offenbar aus dem Weg gehen. Vermutlich hat er meine Schritte gehört. So also traten wir beide, einander vorübergehend, zur Seite, was mich zum Schmunzeln brachte. Jeder hat auf seine Weise den anderen wahrgenommen, ich mit meinen Augen, er mit seinem Gehör. Und Respekt gezeigt.
Wer Augen hat und sehen kann, ist gut dran. Das war mein erster Gedanke, obwohl ich als Brillenträger ein diffuses Sehen auch kenne. Unsere Augen werden heutzutage unermüdlich gefordert. Ich brauche nur auf meine Wochenleistung zu schauen, die mir mein Handy gnadenlos als Wochenbericht spiegelt, nämlich wieviel Zeit ich mit dem Schauen auf das Display verbracht habe. Jedes Mal denke ich: Viel z viel! Viel zu oft! Geändert habe ich wenig.
Pausenlos sind unsere Augen dabei, Bilder auf die Netzhaut wirken zu lassen.
„Meine Augen sehen stets auf den Herrn“, heißt es in dem Psalm. Das Wort hat dem Sonntag, mit dem wir diese Woche begonnen haben, seinen Namen gegeben: Okuli, Augen, und er bezeichnet den dritten Sonntag der Fastenzeit.
Gemeint ist damit ganz sicher keine Abwendung von der Wirklichkeit. Es geht um ein anderes Sehen. Ein Sehen, in dem ich wahrnehme, dass diese Welt von Gott als seine Schöpfung gedacht ist. Dass ich in ihr lebe, von ihr lebe, nicht allein, sondern verbunden. Und dass ich bereit sein will, sie wahrzunehmen, zu achten, mit meinen kleinen Kräften und Möglichkeiten in ihr „weben und leben“, wie der Apostel Paulus sagt.
Das fällt schwer, in diesen kriegsgeplagten, notvollen Zeiten. Man könnte sogar sagen, dass ein solches Sehen geradezu ablenke, nicht mehr gelten könnte in rauher Wirklichkeit. Doch gerade deswegen brauchen wir die Augen für die Schöpfung, durch die uns Gott das Leben einst eingestiftet hat.
Im Deutschen gibt es ein schönes Wort, das dem Schauen eine Richtung gibt: Es ist das „Augenmerk“. Dieses unterscheidet sich vom bloßen Sehen. Das Auge „merkt“, es fokussiert, gleitet nicht über alles drüber weg, sondern hält an, schaut eben.
Heute Morgen war so ein Tag, an dem mir das aufgefallen ist. Ein Frühlingsmorgen. Ich schaute auf meinen Balkon, neben mir die Tasse Tee, wie jeden Morgen. Ein Krokus war da. Ich hatte ihn vorher nicht gesehen. Blau leuchtete seine Blüte mein Auge an. Ich hatte die Blume nicht gepflanzt. Sie war einfach da, wie ein kleines Wunder.
Mein Augenmerk war gerichtet. Natürlich habe ich dann wieder zur Zeitung gegriffen, wie jeden Morgen. Aber anders als sonst.
Pfarrer Martin Bergau
