Vom Zeitbewusstsein im Alter
Nun ist der März schon bald vorbei, der Monat mit dem Beginn des Frühlings. Wir sind bereits in der Passionszeit, Ostern steht vor der Tür. War nicht gerade erst Weihnachten? Die Zeit vergeht und schreitet voran – wohin?
Mit der Geburt beginnt unsere Lebenslinie, einmal waren wir jung, heute sind viele von uns älter oder alt. Da zieht sich das Leben zusammen, unser Radius wird kleiner, die Kräfte lassen nach. So müssen wir Abschied nehmen von vielem, was uns früher erfreut und erfüllt hat. Immer wieder gehen wir durch die Trauer des Abschieds von geliebten Menschen, wir leben mit unseren Erinnerungen an sie. Am Ende unserer Lebenslinie werden auch wir unsere Lieben verlassen, und andere erinnern sich an uns. Macht uns das traurig, fürchten wir uns?
Das irdische Leben der Menschen ist mit dem Tod nicht zu Ende. Während wir alt werden, erleben wir, wie die nächste und übernächste Generation heranwächst, viele von uns sind mit Kindern und Enkeln gesegnet. Wie wir selbst von Eltern und Großeltern geprägt wurden, manche Probleme und viel Gutes empfangen haben, so werden auch unsere Nachkommen etwas von dem, was unser Leben in seinen Höhen und Tiefen ausgemacht hat, weitertragen und wieder um Neues erweitern. So betrachtet, ist das Leben nicht auf eine Linie beschränkt, sondern zyklisch, eine sich immer erneuernde Kreisbewegung. Eigentlich ist uns das bewusst, denn wir erleben es konkret im Blühen, Reifen und Vergehen in der Natur, so wie das Weizenkorn ein Symbol für Tod und Auferstehung, neues Leben ist. Wir erleben es beim Aufgang und Untergang von Sonne und Mond, im Kommen und Gehen der Jahreszeiten und in der steten Wiederkehr unserer christlichen Feste.
Ein liebevoller Blick auf unser Alter lässt uns erkennen: Auf die Mühen des Erwachsenwerdens, auf die Anstrengungen und Probleme der Familienarbeit und Berufstätigkeit folgt nun eine Zeit der abnehmenden Erwartungen an unsere Leistungsfähigkeit. Wir können zur Ruhe kommen. Es erfüllt mich mit großer Erleichterung, dass ich für so viele Dinge nicht mehr verantwortlich bin – ich könnte eine lange Liste aufzählen. Gleichzeitig wachsen mir Fähigkeiten zu, die ich früher nicht hatte, und auch im Alter ereignet sich Überraschendes und Schönes, das uns mit Freude erfüllt. So ist unsere Gemeinde ein Ort mit immer neuen geistlichen Erfahrungen und bereichernden Tätigkeiten und Begegnungen. Wir wissen, warum wir sie lieben.
Und wir sind reich, wenn wir nicht nur auf den Lauf der vergehenden Zeit blicken, sondern uns geborgen fühlen im immerwährenden Zyklus des Lebens.
Wechselnde Pfade
Katholisches Gesangbuch 710 – baltischer Hausspruch, vertont von Gerhard Kronberg (1946)
https://www.youtube.com/watch?v=jkCFJlYleLg
Irene Vasos
