In diesem Jahr erleben wir die Osterzeit wieder zweifach. Am vergangenen Sonntag feierten wir das westliche Osterfest, am kommenden Sonntag folgt das griechisch-orthodoxe.
Das lädt zum Entdecken des Reichtums ein, den die Karwoche und Ostern für uns bereithält. Schweres und Schönes, Verzweiflung und Hoffnung, Tod und Leben – alle Seiten unseres Lebens finden darin ihren Platz.
Beginnen wir mit der Erinnerung an den Palmsonntag. Jesus zieht nach Jerusalem ein und wird begeistert von Menschen mit Palmwedeln gefeiert. Sie haben von all dem gehört, was er Gutes getan hat. Von den Heilungen, von seiner liebevollen Seelsorge, von seiner Zuwendung zu denen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Zugleich meldeten sich aber auch die zu Wort, die ihn verleumdeten, weil er das religiöse und politische System da in Frage gestellt hatte, wo es sich unmenschlich zeigte.
Damit ermutigte uns der Palmsonntag dazu, den Reichtum unseres Lebens auch gegen manche Anfragen in den Blick zu nehmen. Wem wollen wir vertrauen? Und können wir unserer Dankbarkeit Ausdruck geben, sie feiern?
Der nächste Höhepunkt der Woche ist der Gründonnerstag. Jesus weiß nun, dass sein Weg schwer werden wird. Für diesen Weg sucht er sich Hilfe von Menschen, die ihm vertraut sind. Er trifft er sich mit den Frauen und Männern, die ihm gut tun. Es wird fröhlich gegessen und getrunken, geredet, erinnert und gelacht. Das gemeinsame Leben wird gefeiert.
Der Gründonnerstag erinnert uns daran, dass wir uns auf die Kraftquellen unseres Lebens besinnen. Was tut mir gut? Was hilft, dass ich auch schwere Wege gehen kann? Welche Beziehungen stärken mich? Welche offenen Fragen muss ich noch klären? Wo gibt es Verletzungen, deren Heilung ich in den Blick nehmen will?
Der schwerste Tag ist dann der Karfreitag. Jesus stirbt am Kreuz! Vor allem Frauen sind es, die ihn auf diesem letzten Weg begleiten. Wie stärkend wird das für Jesus gewesen sein, sie am Fuß des Kreuzes zu sehen.
Der Karfreitag ermutigt uns sich den dunklen Seiten des Lebens zu stellen. Trauer aushalten. Schmerzen tragen. Zweifel zulassen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wenn wir Trauer erleben, Schmerzen, Zweifel: Jesus weiß, was wir durchmachen müssen, er kennt all das aus eigener Erfahrung.
Dann folgt ein merkwürdiger Tag der Stille, der Karsamstag. Jesus ist gestorben und wurde beigesetzt. Die Menschen trauern. Es braucht Zeit, von einem geliebten Menschen Abschied zu nehmen. In der christlichen Tradition verbindet sich mit diesem Tag die Vorstellung, dass Jesus zu den Toten gegangen ist: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes …“.
Für uns bedeutet das, dass wir diejenigen, die vor uns gegangen sind, nicht aus der Erinnerung verlieren. Wofür können wir ihnen dankbar sein? Wo haben sie uns aber auch verletzt? Wo ist Vergebung nötig? Für sie, aber auch für uns. Damit wir nicht länger das tragen müssen, was wir anderen angetan haben oder womit wir verletzt wurden?
Und dann – endlich – ist der Weg frei für das, auf das wir hoffen. „Siehe, ich mache alles neu!“ – so lautet die aktuelle Jahreslosung Wir haben uns daran erinnert, wofür wir dankbar sein können. Wir haben uns die Quellen unserer Kraft vor Augen gestellt. Wir haben unsere Beziehungen in den Blick genommen. Wir haben uns den dunklen Seiten unseres Lebens, der Trauer, dem Abschiednehmen gestellt. Wir haben unsere Verstorbenen in den Blick genommen, haben vergeben – uns und anderen.
Jesus ist auferstanden. Zunächst können die Frauen und Männer es nicht glauben, aber dann häufen sich die Berichte. Menschen sind ihm begegnet, immer in unterschiedlichen Formen. Mal schnell erkennbar, mal durch einen Engel angekündigt. Mal so, dass man ihn erst für jemanden anders hält, mal als eine Kraft, die unerwartet erwacht. Mal als eine Hoffnung, die lange herbeigesehnt wurde, mal als eine Erscheinung, die Mut macht. Das Leben setzt sich durch! Ostern öffnet Wege, die wir uns nicht vorstellen können.
Was das für uns bedeuten kann, hat Susanne Niemeyer einmal schön ausgedrückt:
Weil jede Mauer eine Lücke hat
und jede Grenze irgendwo ein Tor;
weil jedes Ende auch ein Anfang ist
und jeder Traum ein neuer Raum;
weil jeder Same Blüten birgt
und jeder Morgen auch ein Aufstand ist.
Deshalb bewahren wir uns das Vertrauen, dass unser Leben gut wird und dass es für unsere Welt – in all ihren Herausforderungen – eine Zukunft gibt.
Pastor Kurt Riecke
