„Trotzdem mit der Ruhe“ ist der Titel eines Artikels in der Zeitschrift Publik Forum (3/2026), in dem es um Gelassenheit geht.
Ja, Gelassenheit scheint mir gerade erstrebenswert bei all dem, was in der Welt geschieht und worüber ich mich ständig aufrege.
Und tatsächlich ist es ja so, dass wir dauernd das Gefühl haben, dass alles immer schlimmer wird, obwohl das nicht unbedingt der Realität entspricht. In der Psychologie heißt es „Schlechtes wiegt schwerer als Gutes“, und der Autor nennt sich selbst als Beispiel mit der Bemerkung, dass er die gute Entwicklung in der Welt, etwa, dass die Armut sich halbiert hat, recht emotionslos hinnimmt, während ihn die schlimmen derzeitigen Nachrichten in Panik versetzen.
Der Ausdruck „stoisch“ ist in unserer Alltagssprache zu einem Synonym für Gleichgültigkeit geworden. Der Philosoph Wilhelm Schmid betont, dass dies aber nicht den Kern der Stoa trifft. Es geht nicht um Leidenschaftslosigkeit, sondern um Maß halten.
Leidenschaft gehört zum Leben, fährt er fort, es gäbe keine Veränderung, kein Engagement und keine Bindung ohne sie, aber „viele Menschen erleben nicht zu wenig Emotion, sondern zu viel“. So ist Gelassenheit keine Abkehr vom Engagement, sondern die Voraussetzung dafür:
„Gelassenheit heiße nicht, sich zurückzulehnen, sondern zu unterscheiden. Wo muss ich widersprechen? Wo kann ich wirken. Wo liegt mein Einfluss – und wo nicht? Diese Unterscheidung sei eine Form von Lebenskunst in einer komplexen Welt.“
Gelassenheit als Lebenskunst.
Dazu fällt mir die Geschichte von der alten Frau mit dem Pferd ein, die auf eine alte chinesische Parabel zurückgeht:
Eine arme Bäuerin verliert ihr einziges Pferd bei einem Gewitter und wird von den Dorfbewohnern bemitleidet, aber sie lächelt nur leise mit den Worten:
„Ob Glück oder Unglück, wer weiß das schon?“
Nach einigen Tagen kommt das Pferd zurück und bringt vier weitere Wildpferde mit, die die Bäuerin zähmen kann. Auf den Neid der Bewohner reagiert sie wiederum mit einem Lächeln und mit den Worten: „Ob Glück oder Unglück, wer weiß das schon?“
Ein Jahr später reitet der Sohn der Bäuerin mit dem Pferd aus, stürzt und bricht sich die Hüfte. Und wir wissen jetzt schon, wie sie auf das Mitleid der Dorfbewohner reagiert: Sie lächelt und sagt:
„Ob Glück oder Unglück, wer weiß das schon?“
Einige Zeit später hat der Krieg gegen ein fremdes Land begonnen und die Ehemänner und Söhne des Dorfes werden als Soldaten eingezogen. Nur der Sohn der Bäuerin wird wegen seines Beins nicht mitgenommen, und die Bäuerin tröstet die zurückgebliebenen Frauen des Dorfes:
„Ob Glück oder Unglück, wer weiß das schon?“
Im Mittelalter war für den Mystiker Meister Eckart Gelassenheit ein religiöses Fundament. Sie wurde als Abkehr der Ichbezogenheit und als Gottergebenheit
gesehen. Gott machen lassen. Diese Vorstellung fällt uns heute schwer.
Aber in Dietrich Bonhoeffers bekannten Worten finde ich etwas Tröstliches:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag“. Getrost erwarten, was kommt – Gelassenheit?
Und hier das wunderbare Gedicht von Kurt Tucholsky:
Das Lächeln der Mona Lisa
Ich kann den Blick nicht von dir wenden.
Denn über deinem Mann vom Dienst
hängst du mit sanft verschränkten Händen
und grienst.
Du bist berühmt wie jener Turm von Pisa,
dein Lächeln gilt für Ironie.
Ja … warum lacht die Mona Lisa?
Lacht sie über uns, wegen uns, trotz uns, mit uns, gegen uns –
oder wie – ?
Du lehrst uns still, was zu geschehen hat.
Weil uns dein Bildnis, Lieschen, zeigt:
Wer viel von dieser Welt gesehen hat –
der lächelt, legt die Hände auf den Bauch
und schweigt.
Pfarrerin Iris Kaufmann
