Lob der Zweisprachigkeit
„Eines will ich nicht mehr entbehren: zweisprachig zu sein. Ich finde es schön, nicht mehr definiert zu sein durch die Sprache und durch die Tradition nur einer Konfession. Ich habe noch einen zweiten Blickwinkel. Zwar heißt das, dass ich weniger Heimat habe, als wenn ich nur in einer Sprache und Tradition geblieben wäre. Aber ich bin auch weniger gefangen in dem Haus, in dem ich gerade lebe. Und diese Freiheit lasse ich mir etwas kosten.“
Diese Worte hat Fulbert Steffensky in seinem Buch ‚Feier des Lebens‘ geschrieben. Darin nimmt der Theologe und Religionspädagoge die Leser mit auf seine Glaubensreise. Aufgewachsen war er in der katholischen Kirche und lebte fast 13 Jahre in einem Benediktinerkloster. Dann konvertierte er in die evangelische Kirche. Im Rückblick auf diesen Schritt stehen nicht Enttäuschungen über seine früheren religiösen Erfahrungen im Mittelpunkt, sondern eine einfühlsame Beschreibung der Stärken und Schwächen beider Kirchen. Er will es nun nicht mehr vermissen, zweisprachig zu sein.
Ich denke zurück an Gottesdienste in unserer schönen Christuskirche in Athen. An die Ikone und die Kerzen auf der linken Seite vor dem Altarraum. An die Gespräche mit den Mitgliedern der St. Andrew’s International Church. An die gemeinsame Agape-Feier und die Bibelgespräche mit der katholischen Gemeinde. An die Treffen im Gemeindehaus, in denen es um die Beheimatung in der evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirche ging.
Oder auch an die Gespräche über die verschiedenen kulturellen Heimaten, in denen wir leben. Es wurde deutlich, dass wir auf diesem Weg weniger Heimat erleben. Aber gleichzeitig sind wir nicht eingeschränkt auf nur eine Tradition. „Wir sind weniger gefangen in dem Haus, in dem wir gerade leben.“ Das ist Schmerz und Reichtum zugleich. Steffensky macht Mut, sich beiden Erfahrungen zu stellen.
Die Bibel erinnert uns an eine weitere, ganz andere Form von Heimat: „Denn wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt. Wir suchen vielmehr nach der zukünftigen Stadt.“ (Hebr.13,14) Mit dieser himmlischen Heimat im Herzen werden wir frei, unsere irdischen Heimaten zu suchen und zu gestalten – und ihren jeweiligen Reichtum zu erleben.
Pierre Stutz, ein weiterer Wanderer zwischen den Konfessionen, hat dieser Erfahrung so Ausdruck gegeben:
„Mich ausrichten auf den Himmel:
Mein Blick-Feld reinigen,
damit sich mir eine neue Weite eröffnet,
die grenzenlose Verbundenheit schafft.
Mich orientieren am Himmel:
Meinen Horizont vergrößern,
damit ich den größeren Zusammenhang entdecke,
der auch ein Leben vor dem Tod fördert.
Mich geborgen fühlen im Himmel:
Mein Urvertrauen freilegen,
damit ich mitten im Alltag höre:
Ich bin mit euch alle Tage eures Lebens.“
Pastor Kurt Riecke
