Begeisterung – was ist das eigentlich?
Wir wohnen gegenüber einer Marineakademie, an der Studentinnen und Studenten ihre Ausbildung machen. Sie leben dort ziemlich beengt, zu sechst oder mehr in einem Zimmer mit Etagenbetten und daher wohl auch mit wenig Privatsphäre. Am Abend und hin und wieder am Wochenende können wir ihre Musik hören, begleitet von der Fröhlichkeit und der Begeisterung, mit der sie mitsingen.
Begeisterung –
Es kann ein Konzert sein – im klassischen Konzert höre ich zu und begeistere mich innerlich. Bei Rock-, Pop- und ähnlichen Konzerten singe ich mit und lasse mich vielleicht von der Lieblingsgruppe oder dem Lieblingssänger, der Lieblingssängerin mitreißen – begeistert.
Begeisterung –
Ein Buch, das mich so mitnimmt, begeistert, dass ich nicht aufhören kann, es zu lesen.
Ein Film, der mich sehr berührt, mich so sehr anspricht, dass ich noch am nächsten Tag darüber nachdenke und ihn unbedingt jemandem erzählen will.
Begeisterung –
Natürlich im Sport: Gerade ganz aktuell in Griechenland: Die Mannschaft Olympiakos hat im Basketball die EuroLeage gewonnen – Menschenmassen haben mit Begeisterung gemeinsam geschaut und gefeiert.
Am Wochenende haben wir Pfingsten gefeiert – in der orthodoxen Kirche ist es am kommenden Wochenende soweit.
Pfingsten – ein verlängertes Wochenende für viele mit schönem Wetter und vielleicht einem Ausflug. Es ist schön. Die Natur begeistert.
An Pfingsten wurde der Heilige Geist über die Jünger ausgeschüttet. Ich stelle mir dieses Bild vor: Da ist von Sausen und Brausen die Rede, ein starker Wind und Feuerflammen über ihren Köpfen – es gibt viele Bilder dazu.
Ein Wind, der weht, ein Geist, der sie ausfüllt, ermutigt und stärkt und die Trübsal hinwegfegt.
Begeisterung – ich will sie spüren und sie leben, wohl wissend woher dieser Geist kommt und was er bewirken kann: Einsicht, Freude, Trost, Entscheidungsfähigkeit … und wer weiß, was noch.
Ich komme noch einmal zu den Studierenden zurück, die so beengt zusammenwohnen – dazu diese Geschichte:
Zu einem alten Rabbi kam ein Mann und klagte: „Rabbi, mein Leben ist nicht mehr erträglich. Wir wohnen zu sechst in einem einzigen Raum. Was soll ich nur machen?“
Der Rabbi antwortete: „Nimm deinen Ziegenbock mit ins Zimmer.“ „Den Ziegenbock mit ins Zimmer?“ „Tu, was ich dir gesagt habe“, entgegnete der Rabbi, „und komm nach einer Woche wieder.“
Nach einer Woche kam der Mann wieder, total am Ende. „Wir können es nicht mehr aushalten, der Bock stinkt fürchterlich!“
Der Rabbi sagte zu ihm: „Geh nach Hause und stell den Bock wieder in den Stall. Dann komm nach einer Woche wieder.“ Die Woche verging. Als der Mann zurückkam, strahlte er über das ganze Gesicht: „Das Leben ist herrlich, Rabbi. Wir genießen jede Minute. Kein Ziegenbock – nur wir sechs.“
(W. Hoffsümmer, in: F. Schorlemmer (Hrsg,) Das soll dir bleiben, 2017, S.430)
Pfarrerin Iris Kaufmann
