Der Sänger Udo Lindenberg ist im Mai 80 geworden.
Ein Sänger, der eine lange Karriere hinter sich hat – z.T. scheiden sich die Geister an ihm. Wenn er spricht, versteht man ihn oft gar nicht, weil er so nuschelt. Und seine Sprache ist oft sehr speziell.
Sein langes Leben ist auch von Brüchen geprägt.
Er war einige Jahre aufgrund seiner Alkoholabhängigkeit völlig ausgestiegen. Dann hat er noch einmal angefangen, und in seinen Liedern wird deutlich, wie diese Jahre für ihn waren, ganz in seiner ihm so eigenen Sprache.
Hier das Lied „Durch die schweren Zeiten“:
Es geht nicht immer geradeaus
manchmal geht es auch nach unten
und das, wonach du suchst
hast du noch immer nicht gefunden
Die Jahre ziehen im Flug an dir vorbei
die Last auf deinen Schultern schwer wie Blei
Jeden Morgen stehst du auf
und kippst den Kaffee runter
deine Träume aufgebraucht
und du glaubst nicht mehr an Wunder
Mit Vollgas glatt am Glück vorbeigerauscht
was dich runterzieht
ey, ich zieh dich wieder rauf
Ich trag dich durch die schweren Zeiten
so wie ein Schatten werd ich dich begleiten
ich werd dich begleiten, denn es ist nie zu spät
um nochmal durchzustarten
weil hinter all den schwarzen Wolken
wieder gute Zeiten warten
Stell die Uhr nochmal auf Null
lass uns neue Lieder singen
so wie zwei Helikopter
schweben wir über den Dingen
und was da unten los ist, ist egal
wir finden einen Weg, so wie jedes Mal
Ich trag dich …
Besonders der Refrain hat es mir angetan.
So zuversichtlich, so bejahend, so menschenfreundlich.
So jemanden an seiner Seite zu haben – das ist schon besonders.
Und ehrlich gesagt: Für mich ist das auch irgendwie religiös: Hoffnung, das Ja zu meiner Person und das Versprechen, bei mir zu sein – das macht doch gerade unseren christlichen Glauben aus.
Sehr bekannt ist das Gedicht – „wussten Sie schon“ von Wilhelm Willms, der es in der zweiten Strophe so ausdrückt:
wussten sie schon,
dass das wegbleiben eines Menschen
sterben lassen kann
dass das kommen eines Menschen
wieder leben lässt
dass die Stimme eines Menschen
einen anderen Menschen
wieder aufhorchen lässt
der für alles taub war
Ich trag dich durch die schweren Zeiten …
Hier eine Geschichte von Wislawa Szymborska:
Gleichnis
Die Fischer hatten eine Flasche aus der Tiefe gefischt. Sie enthielt einen Zettel mit folgender Post: „Leute, Hilfe! Ich bin hier. Der Ozean hat mich auf das Eiland geworfen. Ich stehe am Ufer und warte auf Rettung. Beeilt euch. Ich bin hier!“
„Hm. Ohne Datum. Es ist sicher zu spät. Womöglich treibt die Flasche schon sehr lange im Meer“, sagte der erste Fischer. „Und der Standort ist nicht gewiss. Man weiß nicht mal, welcher Ozean gemeint ist“, fügte der zweite Fischer hinzu.
„Weder zu spät noch zu weit. Die Insel Hier gibt’s überall“, meinte der dritte Fischer.
Peinliches Schweigen trat ein.
Allgemeine Wahrheiten haben das so an sich.
(in: F. Schorlemmer Hrsg., Das soll dir bleiben S. 358, 2017)
Ich trag dich durch die schweren Zeiten …
Ich finde, es lohnt sich sehr, das Lied anzuhören.
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Pfarrerin Iris Kaufmann
