Im westlichen Kirchenkalender befinden wir uns mitten in der Karwoche, die in Griechenland am Palmsonntag, dem 5. April beginnt. Sie haben also die Wahl, wann Sie sich die Passionsgeschichte vergegenwärtigen und die Auferstehung Jesu Christi feiern wollen. Tun Sie es gerne zweimal. Freuen Sie sich über diese Freiheit – und denken Sie dabei an die Christen, die Ostern nicht feiern können, weil sie bedrängt sind oder, wie die Christen im Heiligen Land, sich aus Sicherheitsgründen nicht in den Kirchen versammeln können. Die Osterfeierlichkeiten in der Jerusalemer Grabeskirche, von den orthodoxen Christen ‚Anastasis‘, ‚Auferstehungskirche‘ genannt, sind ungewiss.
Karwoche und Megali Evdomada haben diesen Spannungsbogen vom Palmsonntag zum Karfreitag, vom Jubel über den Einzug Jesu nach Jerusalem hin zum Leiden und Kreuzestod. Dem Karfreitag geht der Gründonnerstag voran. Unsere Gemeinde trifft sich um 18 Uhr in der Christuskirche zum ökumenischen Agapemahl, welches Jesu‘ Tischgemeinschaft nachbildet und uns im Erleben von Gemeinschaft dafür stärkt, am Karfreitag das Kreuz zu sehen.

Cranachaltar – Weimarer Herderkirche
Bildquelle: Stadtkirche St. Peter und Paul (Herderkirche) Weimar
©Evang.-Luth. Kirchengemeinde Weimar, Fotograf: Constantin Beyer
Karsamstag, der Tag der Grabesruhe, mündet in erneuten Jubel, den über die Auferstehung. Die orthodoxen Griechen zünden in einer bewegenden Stimmung die Kerzen an, wir westlichen Christen versammeln uns im Übergang zum Tagesanbruch, gemeinsam feiern wir die Überwindung des Dunkels durch das Licht: Das Leben ist stärker als der Tod, wir Menschen sind nicht allein.
Lassen wir uns darauf ein, so können wir uns in der Karwoche mit allem auseinandersetzen, das unsere Leben, zumal in diesen Zeiten gewachsener Unsicherheit, prägt: Leiden und Verfolgung, Einsamkeit und Tod, Zweifel und dann Auferstehung, Jubel und Freude.
Da all diese ineinander verwoben sind, da Kreuz und Erlösung nicht voneinander zu scheiden sind, schauen wir auf das Kreuz immer auch als Symbol für Zuversicht und Hoffnung.
Das Kreuz ist eine Last von der Art,
wie es die Flügel für die Vögel sind.
Sie tragen sie aufwärts.
Bernhard von Clairvaux, um 1100
Abt der französischen Zisterzienser
Und mit einem lyrisch-theologischen Augenzwinkern:
Drei Räuber
kreuzigt man heute
auf Golgatha:
Der linke nahm mir mein Geld,
der rechte nahm mir mein Gut,
der in der Mitte nahm mir meine Schuld.
Lothar Zenetti 1926-2019
Priester und Lyriker
Musik
ist eine wunderbare Begleiterin auch in diesen Tagen. Da sie Hoffnung für das Leben gibt, wie die ARD-Mediathek schreibt, ist dort eine Auswahl der großen Werke für die Karwoche und für Ostern zusammengestellt – in Ausschnitten.
https://www.ardmediathek.de/sammlung/klassik-fuer-die-karwoche/d95177e2-50a2-4802-b38e-4f42be7e13d1
Die Auswahl beginnt mit den großen Passionswerken von Johann Sebastian Bach, von dem ich Ihnen auch diese kürzeren Stücke empfehle:
Die Osterkantaten
„Christ lag in Todesbanden“, die reich an Chören ist:
https://www.youtube.com/watch?v=uQNBDsDdLeE
„Bleib bei uns, denn es will Abend werden“ mit einem schönen Anfangschor:
https://www.youtube.com/watch?v=enpOZJAbgLg
Aus der Matthäus-Passion „Mache Dich, mein Herze, rein“:
https://www.youtube.com/watch?v=6E-5R7QVAUs
Und den Choral zu Jesu Tod „Wenn ich einmal soll scheiden“
https://www.youtube.com/watch?v=Io7G2WYbbcg
Viel Freude damit! Mögen Sie alle nachdenklich, bewegt und hoffnungsvoll durch unsere Karwoche und die Megali Evdomada gehen und sich auf Ostern freuen.
Ulrich Wacker
