Es ist Sommerzeit
Wenn in diesen Wochen kein Gottesdienst in der Kirche stattfindet, schicken wir Ihnen einen Sommerimpuls. Dieser erreicht Sie zu jedem Sonntagmorgen als ein Gruß aus der Gemeinde. Der Impuls ist individuell gestaltet, verbunden mit einem biblischen Wort, Gebet, einem Bild und persönlichen Gedanken dazu. Vorbereitet wird er von einer Gruppe aus der Gemeinde und in Absprache mit Pfarrer Martin Bergau.
3. August 2025 – 7. Sonntag nach Trinitatis
Nicht wanken
Ein besonderer Weg, gegangen vor wenigen Wochen:
Eng ist es. Diesen Abschnitt der Christuskirche betreten nur Wenige. Es ist der Turm der Kirche. Die schmale Treppe führt an der Tür zur Orgel und der Empore vorbei. Ich will die Glocken aufsuchen. Schließlich, auf zum Schluss recht abenteuerlichen Stiegen, gelange ich in den Raum, in dem an mächtigen Konstruktionen die Glocken hängen. Es mutet still an dort, das spüre ich als erstes. Die Tagesgeräusche treten zurück, wohl am stärksten in meinem Inneren. Durch die Fensterläden dringt das Tageslicht. Vor mir die Stadt, hinter mir der Lykabettos.
Schwere Gewichte sind zu halten. Die größte Glocke wiegt 1439 Kilo. Das ist mächtig. Ich schaue mich um. Allerlei Gerätschaften haben sich im Raum über all die Jahre versammelt, große, ausrangierte Scheinwerfer dabei, längst nicht mehr zu gebrauchen, mit Staub überzogen. Manches lässt sich nicht mehr zuordnen und bildet ganz eigene Geheimnisse. Sie berichten nicht mehr davon, wofür sie einst dort gelagert wurden. Der Zug der Zeit fällt ins Auge.
Nicht jedoch bei den Glocken ist das so, sie beherrschen mit ihrer Wucht den Raum. Ihre tiefdunkle Farbe ist im Kontrast zum Licht des Tages. Allein die Klöppel, die den Glockenton schlagen, wirken massiv. Die drei Glocken sind versetzt gehängt, damit für jede genug Platz ist, wenn sie in Betrieb genommen werden. Und den brauchen sie. Nur zögerlich nähere ich mich ihnen, berühre sie. Vorsichtig tippe ich mit meinem Zeigefinger an die große Glocke, und das reicht schon, um ihren tiefen Klang in Schwingungen zu bringen.
Von den Glocken geht eine bestimmte Ruhe aus, mit einer Autorität, wie sie dort an den riesigen Befestigungen hängen. Sie sind gesichert, ruhen fest, nun schon seit vielen Jahrzehnten, sie tönen zu den Lebensgeschichten der Menschen, die die Kirche aufsuchen. Jeder weiß, wozu sie in der Lage sind, sobald sich die Glocken in Bewegung setzen, das bleibt jederzeit vorstellbar.
Längst werden sie durch einen Motor gesteuert, also keine Seile, wie ich sie in einigen Klöstern gesehen habe, durch die die Glocken der Klosterkirche kunstvoll per Hand zum Klingen gebracht wurden.
Doch lässt sich im ganzen Kirchenraum hören, wenn sich die Glocken der Christuskirche in Schwingungen versetzen, ein dumpfes Schlagen, bis der Klang alles und die Umgegend erfüllt.

Sonntags wird geläutet, vor dem Gottesdienst. Oder zu besonderen Anlässen wie einer Trauung oder einer Trauerfeier. Ihr Klang (d-f-g) ist kraftvoll, von einer eigenen Schönheit. Sie rufen. Ihr Ton ist fest und beständig.
Früher war der Glockenklang mit seinen Zeitrhythmen das Signal, das Arbeitsbeginn und Arbeitsende wiedergab, am Abend die Rückkehr von den Feldern einläutete.
All das braucht es heute nicht mehr. Und in der orthodoxen Mitwelt wird auch die Klangdauer berücksichtigt, was gut ist. Mit ihrer Präsenz aber, für den Kirchenbesucher unsichtbar, verkörpern sie eine besondere, ihnen eigene Dimension.
Ich lese die Inschriften zu den Glocken. Auf einer heißt es: „Lasset uns halten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken.“ (Hebräer 10,23) Das bleibt zu allen Zeiten eine Aufgabe, und jede muss diese für sich herausfinden und bestimmen. Entscheidend aber bleibt, worin die Rückbindung liegt, die Quelle, der Kern. Daran erinnern die Glocken, darauf verweisen sie, wenn ihr Klang bis auf den Lykabettos hinauf und herunter ertönt:
Nun lasst uns Gott, den Herren
Dank sagen und ihn ehren
Für alle seine Gaben,
die wir empfangen haben.
Das ist das Wochenlied für diese Woche, aus dem Evangelischen Gesangbuch Nr. 320. In seinem Schlussvers heißt es:
Erhalt uns in der Wahrheit,
gib ewigliche Freiheit,
zu preisen deinen Namen,
durch Jesus Christus. Amen
Bedächtig steige ich wieder hinab. Jeder Schritt will gesetzt sein. Es ist auch eigentlich schön, dass die Glocken nur mit einer gewissen körperlichen Anstrengung zu erreichen sind. Sie sind eben etwas Besonderes, schon der Weg dorthin.
Mich umgibt wieder die Geschäftigkeit des Alltags und der Straßen. Ich schaue noch einmal herauf, ja, man muss sich aufrichten. Still ist es um den Turm herum. Welche Kraft aber ist darin verborgen.
Die Glocken und ihr Klang: Sie sind Bleibendes, Kontinuitäten im Wandel der Zeiten.
Dazu der Segen, sonntags oft gesprochen, gehört, gebetet:
Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Pfarrer Martin Bergau
